Vertriebene bekennen sich zur Heimat
 
Seit dem Zusammenschluss der Landsmannschaften und Verbände im Jahre 1990 traten die deutschen Heimatvertriebenen nach jahrelangem Schweigen aus der Anonymität heraus und bekannten sich zu Ihrer angestammten Heimat
Woher kamen die Heimatvertriebenen?
Aus Ost- und Westpreußen, Danzig, Pommern, Warthe-Weichselland, östl. Markbrandenburg, Nieder und Oberschlesien, Sudetenland, Böhmen-Mähren, Bessarabien Bukowina, Banat und anderen Gebieten.
 
Der BdV verfügt in Sachsen-Anhalt über Orts und Kreisverbände und Landsmannschaften. Der BdV Sachsen-Anhalt ist ein rechtsfähiger und gemeinnütziger Verein.
Unter den Mitgliedern befinden sich auch viele Nichtvertriebene und Aussiedler.
In den LM findet ein reges politisches und kulturelles Leben statt. Hier werden Brauchtum, Traditionen, Liedgut und Mundarten der Heimatgebiete gepflegt und erhalten.
Dazu gehören auch Fahrten in die Heimatgebiete und Kontakte zu den noch dort lebenden Deutschen und der dortigen Bevölkerung.
Nicht Rache und Vergeltung erfüllt die Heimatvertriebenen. Es werden keine Forderungen gestellt, sondern Friedensangebote in den Vordergrund gestellt.
Viele der heute in Sachsen-Anhalt lebenden Heimatvertriebenen haben des Schicksal bewusst erlebt.
Auf keinen Fall sollte das Leid, die vielen Schicksale bei der Aufarbeitung der Geschichte zwischen 1944 und 1950 vergessen werden.
Das Schicksal von mehr als 15 Mio. vertriebenen Deutschen aus Mittel-, Ost und Südeuropa ist selbst in Deutschland ein nahezu weißer Fleck im öffentlichen Bewusstsein. Der BdV will anderen Menschen Ähnliches ersparen.
Vertriebene und Nichtvertriebene nutzen dies, um Informationen jeglicher Art zu erhalten.
 
 
Fremde in der neuen Heimat
 
In der DDR wurde das Schicksal der Vertriebenen von der Partei und den Kirchen tabuisiert 
Im Herbst 1945 erreicht eine Arbeiterin aus dem ostbrandenburgischen Städtchen Sonnenburg an der Warthe nach wochenlangem Marsch endlich Mecklenburg. Sie will ihre noch ziellose Wanderung unterbrechen, pausieren, sich neu orientieren. Auf einem Gut findet die mittellose Frau zunächst freundliche Aufnahme. Dann erkrankt sie - geschwächt durch die Strapazen und schlechten hygienischen Bedingungen der Flucht - an Typhus. Als sie nach ihrer Genesung weiterziehen will, ist sie schockiert, dass die Gutsherren von ihr plötzlich und ohne vorherige Ankündigung eine horrende Summe für Pflege und Unterkunft verlangen. Sie sieht sich doppelt heimatlos. Die alte Heimat, ab 1945 polnisch, hat sie verloren, und in der neuen fühlt sie sich wie "geduldetes Lumpenpack". So hatte sie sich die Aufnahme in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nicht vorgestellt.
Die Erfahrungen der ostbrandenburgischen Vertriebenen waren kein Einzelfall. Zwölf bis 15 Millionen Deutsche mussten während und nach dem Zweiten Weltkrieg ihre osteuropäische Heimat verlassen. Sie zogen in langen Trecks einer ungewissen Zukunft entgegen. Etwa acht Millionen kamen in die spätere Bundesrepublik, 4,1 Millionen in die SBZ. Die nachhaltige Veränderung der Bevölkerung in der DDR, die Neuankömmlinge machten einen Bevölkerungsanteil von 24 Prozent aus, provozierte erhebliche soziale Spannungen. Sie wurden bisher in der Öffentlichkeit und den Geschichtswissenschaften kaum thematisiert. Die Flüchtlinge wurden zunächst in ländlichen Gebieten angesiedelt, in denen ihnen die Bevölkerung eher ablehnend gegenüberstand. Die fehlende nationale Solidarität enttäuschte die Vertriebenen. Viele wanderten in die Städte ab. Entgegen dem offiziellen DDR-Mythos der schnellen Eingliederung sprach deshalb Michael Schwartz vom Institut für Zeitgeschichte Berlin/München bei der Tagung "Flucht, Vertreibung und Integration in konfessioneller Perspektive" des Arbeitskreises Protestantismusforschung in der Evangelischen Akademie Neudietendorf von einer "Integration durch heftige Konflikte".
Dafür sorgte auch die Vertriebenenpolitik der DDR, die Entgegenkommen mit Assimilationszwang verband. Der Arbeiter- und Bauernstaat beschloss einerseits schon 1950 ein Gesetz zur Verbesserung der Situation der "Umsiedler" und verteilte 400 Millionen Ostmark Wohnungsbeihilfen an 700.000 Flüchtlinge. Andererseits anerkannte die DDR - anders als die Bundesrepublik - schon früh mit Rücksichtnahme auf die sozialistischen Bruderstaaten die Oder-Neiße-Grenze an. Die Betroffenen wurden dabei nicht gefragt. Die DDR-Vertriebenenpolitik wurde letztlich, wie Schwartz darlegte, vom Ost-West-Konflikt überlagert. Ein "Recht auf Heimat" - wie von der Bundesrepublik gefordert - lehnte die DDR als Ausdruck "revanchistischen Denkens" ab. Heimat war für die DDR keine geographische Größe, sondern ein politisches Projekt, so Schwartz. In der DDR-Diktion gab es deshalb auch keine "Vertriebenen", sondern nur "Umsiedler".
Für die Neuankömmlinge in der DDR gab es folglich nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie assimilierten sich oder sie zogen - auch schockiert von der Klassenkampfpolitik - weiter in die Bundesrepublik. Allein bis 1949 verließ etwa eine Million Vertriebene die DDR .
Die Zwangsassimilation hatte zur Folge, dass das Schicksal der Vertriebenen in der DDR tabuisiert wurde. Die traumatisierenden Erfahrungen des Heimatverlustes, der Gewaltexzesse der Roten Armee, die massenhaften Vergewaltigungen der flüchtenden Frauen - über das alles, so Clemens Vollnhals vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden, konnten und durften die Betroffenen nie öffentlich sprechen. Nur im privaten Umfeld und auch in den Kirchen gab es begrenzte Möglichkeiten, eine Kultur der Erinnerung zu entwickeln. Diese Erfahrung führte zu Abgrenzungserscheinungen, weshalb es der SED als "Partei der Russenfreunde" bis zum Mauerbau 1961 nie breitere Bevölkerungskreise für sich gewinnen konnte. Für viele Menschen passte das humanitäre Pathos der SED und das gleichzeitige Verbot von Vertriebenenorganisationen nicht zusammen.
Der Wunsch nach Erinnerung suchte andere Wege. Die katholischen "Umsiedler", die im fast ausschließlich protestantisch geprägten Mitteldeutschland nach 1945 ein Drittel der Bevölkerung stellten, trafen sich etwa zu Wallfahrten, um ihre heimatlichen religiösen Traditionen weiterzuführen. Die SED-Regierung stand den katholischen Pilgern recht hilflos gegenüber. Selbst Massenverhaftungen bei Vertriebenentreffen zeigten wenig Wirkung. Die SED setzte deshalb auf die langfristige Umerziehung der Jugend.
Auch die evangelischen Landeskirchen nahmen sich zwar karitativ und seelsorgerlich der Vertriebenen an. Mit der Integration taten sich die protestantischen Gemeinden aber schwer. Auf der Insel Rügen, so der Historiker und Pfarrer Martin Holz (Schaprode), waren die dort angesiedelten, pietistisch geprägten Ostpreußen von der in ihren Augen "toten" Volkskirchlichkeit der Einheimischen enttäuscht. Die Pfarrer freuten sich zunächst über die rege Beteiligung der Flüchtlinge am Gemeindeleben. Allerdings entstand nach kurzer Zeit ein erhebliches Problem: Mit ihrem starken Engagement prägten die Ostpreußen manche Gemeinden derart um, dass sich in ihnen fast nur noch Vertriebene, aber kaum mehr Insulaner einfanden - ein großes Hindernis für eine reibungslose Integration.
Das lutherische Sachsen sah sich seit 1945 mit der Ankunft katholischer Sudetendeutscher und evangelischer Schlesier konfrontiert. Als Geste ökumenischer Solidarität stellten evangelische Gemeinden - wie im gesamten Gebiet der DDR - den Katholiken ihre Kirchen für Gottesdienste zur Verfügung. Doch die aus Schlesien geflüchteten evangelischen Theologen wurden trotz erheblichen Pfarrermangels zunächst nicht übernommen. Die Kirchenleitung wollte offene Pfarrstellen für die aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrenden sächsischen Geistlichen frei halten. Zudem meinte die Kirchenleitung, dass die schlesischen Pfarrer mit ihren anderen theologischen Traditionen, die Calvinismus und Luthertum miteinander verbanden, nicht in die rein lutherische Landeskirche passten.
Unmissverständlich lehnte die sächsische Landeskirche auch eigene Vertriebenengemeinden und die seit 1945 abgehaltenen Heimatgottesdienste ab, so Markus Wurstmann, Doktorand an der Universität Leipzig. Parallelstrukturen waren unerwünscht, entstanden aber doch hier und da, weil den "Umsiedlern" die strenge lutherische Liturgie fremd blieb. Die Landeskirche erwartete jedoch, dass sich ihre neuen Mitglieder vollständig in die sächsischen Gemeinden, ihre Liturgie und ihr Kirchenrecht einpassten.
Das empfanden viele Flüchtlinge als Korsett und kehrten ihr wieder den Rücken zu. Zu der von den Kirchen erhofften Intensivierung des kirchlichen Lebens durch die Vertrieben kam es in der DDR also nicht.